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| 1957 mit dem Moped nach Schweden |
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aus bma 1/11 - Erinnerungen von Egon Funke bma-Leser Egon Funke, geboren 1941, hat in seinem Leben schon so manches Zweirad bewegt. Er war in den 60er Jahren auf Sand- und Grasbahn sogar international erfolgreich unterwegs. 2009 war er am Nordkap, 2010 auf Gibraltar - aber hier erinnert er sich an seine erste Motorradreise...
In „unserer“ Ecke im Niedersachsenhof in Sittensen ließen wir unserer Fantasie hemmungslos freien Lauf. Jeder seine Coca-Cola-Flasche leer, die vierte wurde gerecht aufgeteilt („trinkt nicht soviel von dem braunen Zeug, davon wird man krank“ - sagte Mama), träumten wir von der großen, weiten Welt. Aber raus – wirklich raus, dem bedauernswerten Dasein als Stift entkommen? Keine mehr - auch bei der kleinsten Gelegenheit - „in den Nacken“ kriegen, nicht mehr zur Berufsschule gehen, keine Wochenberichte schreiben. „Ja wie denn?” Für uns gab es keine Möglichkeit. Dabei hatte Heinz Helfken gerade mit dem Fahrrad die Welt umrundet. Doch „Ja Mensch!“ unsere heiß geliebten Mopeds - „das isses“, die bringen uns raus! Friedhelms Dürkopp Fratz, die Zündapp Combinette von Horst und meine Victoria Vicky III bringen uns bis an das Ende der Welt. Nicht nach Italien, da fuhren ja alle hin. Oma, Opa, die ganze Familie, überhaupt „alle“. Wir fahren nach Schweden, genau gegenüber von Italien. Wie die Holzfäller in den Wäldern leben, mit Braunbären ringen und Elchen kämpfen und nicht auf italienischen Campingplätzen faul rumliegen.
Über Hamburg - Lübeck, ein Abstecher nach Niendorf zu Tante Lene, um evtl. unsere Reisekasse auffüllen zu lassen, nach Flensburg, Richtung Dänemark. Schon in dem Moment, als wir unser Dorf verließen, überkam uns ein Gefühl unbeschreiblicher Freude - Freiheit - Glück. Ich weiß es heute mit fast 70 Jahren nicht anders zu beschreiben. In Flensburg jedoch gab es die erste ernsthafte Herausforderung an uns. Friedhelm rutschte mitten auf einer Kreuzung auf einer Straßenbahnschiene aus. Kochtopf, Essgeschirr, Reservekanister kollerten über das Kopfsteinpflaster - im „allerschönsten“ Platzregen. Friedhelm war sofort wieder auf den Beinen, ein Indianer kennt keinen Schmerz. Aber - ohje - an der Fratz war ein Vorderradgabelholm eingeknickt. Nun war ich gefragt, das war mein Ding! Improvisieren hatte ich von meinem Vater gelernt, ein begnadeter KFZ-Meister. Horst „besorgte“ in seiner angeborenen und stets erfolgreichen Manier, ein Stück Flacheisen von dem Zaun eines in der Nähe liegenden Parks. Bindedraht gehörte zu unserer Bordapotheke. Mit diesen, in diesem Moment wertvollen Hilfsmitteln legte ich der Fratz eine provisorische Schiene an. Nur um ein Stückchen weiterzukommen, wenigstens bis zur nächsten Werkstatt. Liebe Stadtverwaltung in Flensburg, nach fast 43 Jahren, im Jahre 2000, fehlte die Verstrebung noch immer im Zaun. NA SOWAS!
Nicht verzagen, Egon fragen! Als angehender „Altstift“ im zweiten Lehrjahr weiß man, was in solchen Fällen zu tun ist. Aus Mutters Keksverpackung – unsere eiserne Reserve – Dichtungen für die Montage zwischen Vergaser und Zylinder mit einem bleistiftgroßen Loch in der Mitte angefertigt und eingebaut. Die Folge war, dass unsere geliebten, „frisierten“ Mopeds, die Schrecken der Dorfbewohner in Sittensen, nur noch 15 km/h schnell waren. Jede auch noch so kleine Steigung konnte nur unter Zuhilfenahme der Fahrradtretkurbeln bewältigt werden. Aber die Grenze konnten wir nun passieren und erreichten, außer Sichtweite der Grenzer, das nächste Gebüsch. Friedhelm, der Vorsichtigste unter uns, hielt Wache und Horst und ich verwandelten in Anbetracht der geltenden Vorschriften in Dänemark, unsere Mopeds in „rasende Feuerstühle“, so um die 60 – 65 km/h schnell mit Gepäck. Wir erreichten ohne weitere Zwischenfälle Kopenhagen und suchten uns außerhalb einen Platz zum Zelten. Als Pfadfinder (BDP) waren uns Campingplätze ein Graus. Diese Nacht, voller Erwartung auf die Stadt, sollte unsere dritte Nacht auf unserer Fahrt in den Norden sein. In Kopenhagen bin ich in den folgenden Jahren oft gewesen. Der Eindruck, den wir als Jugendliche empfanden, voller Staunen und Entdeckerfreude, ist nie wieder bei mir zu spüren gewesen. Aber ganz bestimmt nicht deshalb, weil wir in Kopenhagen unseren ersten Rausch – um im Bild zu bleiben – zum ersten Mal in unserem Leben besoffen waren. Die Fähre die uns hinüber nach Schweden bringen sollte, befand bzw. befindet sich neben der Brauerei, in der das Tuborg Bier gebraut wurde bzw. wird. Wir hatten bis zur Abfahrt der Fähre noch jede Menge Zeit und ließen uns von einem älteren Jugendlichen zur Besichtigung dieser Brauerei einladen. In dieser überraschte uns, in unserer damaligen Erlebniswelt, Unglaubliches! Aus den auf Hochglanz geputzten Wasserhähnen sprudelte und zischte Bier und das dollste war, es kostete keinen Öre! Allen strengen Verboten unserer Eltern zum Trotz tranken wir viel zu viel von dem bitteren, gar nicht köstlichem Nass und hatten größte Mühe, die Fähre noch rechtzeitig zu erwischen. In Schweden angekommen, verließen wir so schnell wie möglich die Stadt, um uns in die Wälder, auf meist nur geschotterten Straßen, zu begeben.
Eine kleine freie Fläche an irgendeinem Bach fand sich immer, um unser 2 Mann US Zelt der Army für 3 Mann aufzubauen. Eine Dreieckplane der Deutschen Wehrmacht linderte ein wenig die Platznot, alles natürlich ohne Gummiboden. Unser Glück war vollkommen, als wir von unserem knappen Reisegeld sombreroartige Strohhüte kauften. Combinette, Fratz und Vicky III schienen sich ebenfalls äußerst wohl zu fühlen. Sie schnurrten dahin, als wollten sie uns bis an das Ende der Welt bringen. Bis auf einige Plattfüße, verrußte Zündkerzen und verstopfte Düsen bereiteten sie uns nur Freude. Gegenverkehr oder überholenden Verkehr gab es so gut wie gar nicht und eine Woche nach der Abfahrt in Sittensen fuhren wir als stolze „Rotzbengel“, wie mein Vater zu sagen pflegte, in Stockholm ein. Alles was ich in späteren Jahren von Stockholm gesehen und in der Stadt erlebt habe, wiegt nicht dieses ungeheure Glücksgefühl auf, welches ich bei meiner persönlichen Entdeckung Stockholms als 16-jähriger empfunden habe. Die Rückreise nach Deutschland verlief ebenso spannend wie die Hinreise. Es mag mir einer glauben oder nicht, als wir auf der Fähre nach Dänemark Kassensturz machten, blieben uns noch 75 DM von Anfangs 350 DM (abzüglich unserer Strohhüte). Ich frage mich noch jetzt, wie konnten wir mit so wenig Geld fast 3 Wochen auskommen? Auch wenn die Antwort, die ich mir gebe immer lautet, wir haben immer auf offenem Feuer gekocht, nur Tütensuppe stand auf dem Speiseplan – nie habe ich köstlicher gegessen. Mich hat aber ja auch noch niemand danach gefragt. Von den restlichen 75 DM zogen wir 15 DM ab – für die zwei Tage, die wir noch nach Hause brauchten und für 60 DM kauften wir für unsere Eltern „groß“ ein. Kaffee, Schokolade und Zigaretten, alles zollfrei! „Dürft ihr alles mitnehmen“ raunte uns ein angeblich alles wissender Mensch zu. Die Folge war, das wir den größten Teil unserer Geschenke beim Zoll abliefern und glücklicherweise keine Strafe bezahlen mussten. Wie sollten wir auch? Ach so - die Gabel der Dürkopp Fratz hielt mit der angelegten Bandage bis sie von einer gebrauchten BMW R 67/2 abgelöst wurde. ---
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