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aus bma 2/11 - Reisebericht von Birgit Hartmann-Meier
Aber: Italien ist ja nicht allzu klein und daher kann ich mit einer guten Planung vielleicht noch etwas bzw. mich retten. Ende desselben Monats eröffne ich dann strahlend meinem Männe: „Die erste Woche geht es in die Toskana - da könnte ich eine Ferienwohnung in einem ehemaligen Bauernhaus bekommen, nennt sich „Agritourismo“, und die zweite Woche verbringen wir in Trentino - da habe ich ein Tourenfahrer-Hotel angefragt. Mit Halbpension ist der Preis dort immer noch super. Ich brauche nur noch seine Zustimmung. Und noch was: Diese Strecken möchte ich nicht mit dem Motorrad zurücklegen. Es sind 900 km bis in die Toskana, 490 km bis zum Hotel in Trentino und nochmal über 800 km nach Hause. Das kostet mit dem Motorrad zu viel Zeit und auch zu viel Energie. Wir brauchen einen Anhänger!”
Am 9. Mai lacht dann ab dem frühen Nachmittag die Sonne und es wird spürbar wärmer. Unser gebuchtes Domizil „Poggio Cornetto” in Bibbona entpuppt sich als wunderschönes Landhaus und liegt so erfrischend herrlich weit ab von Straßen und Verkehr, dass ich sofort sehr zufrieden bin. Dass es über eine Schotterstraße von drei Kilometer Länge erreicht wird, bemerke ich am ersten Tag im Auto gar nicht. Innen ist es wunderschön eingerichtet und ich kann aus meinem Bett direkt in einen noch richtig satt grünen Wald schauen, in dem auf dem Boden pinkfarbene Blumen wachsen. Später, während der Hitzewelle im Juni, wird es ein vertrocknetes Terrain werden. Wir kaufen ein und kochen ein italienisches Mahl auf dem Gasherd, essen draußen auf unserem Freisitz und trinken Vino Rosso. Hier planen wir die Touren der nächsten Tage.
In Volterra besuchen wir das Museum „Etrusco Guarnacci” mit mehr als 600 Graburnen, Bronzefiguren, Goldschmuck und Votivfiguren. Wir finden es sehr interessant und haben ein Handy bekommen mit deutsch sprechender Museumsleitung. Das hilft uns sehr beim Verständnis der ausgestellten Stücke und deren Hintergründe. In Pisa besuchen wir den Dom „Santa Maria Assunta” sowie auch das „Battistero”, die größte Taufkirche der Christenheit. Auf den stark eingerüsteten schiefen Turm für 14 Euro pro Kopf klettern wir allerdings nicht. Hier bemerken wir auch zum ersten Mal das hektische italienische Leben. Viele Touristen besuchen Pisa und es wundert mich nicht unbedingt, dass uns bei der Essensbestellung in einem Restaurant das Besteck hingeworfen anstatt hingelegt wird und die Bedienung bei einer Frage von mir nach einer Zutat schon genervt mit den Augen rollt. Die Einkaufspassagen muten etwas merkwürdig an, denn es scheint so als seien die Markenshops mit den Hilfiger- und Cerutti-Klamotten für die Touristen gebaut worden und die kleinen Marktstände in der Nähe der Kirche oder des Marktplatzes, an denen T-shirts für 3 Euro angeboten werden, für die Einheimischen.
Auf Elba besichtigen wir die Sommerresidenz des Napoleon Bonaparte und fahren dann auf einem Motorrad zu zweit (für zwei Motorräder war uns die Fährgebühr zu teuer) über ein Dreiviertel der Insel. Wir wundern uns über die interessante Streckenführung, denn das Motorrad wird herauf geschraubt und wieder hinunter gedreht. Alles auf sehr gutem Asphalt und mit sehr schöner Landschaft drum herum. Wäre Elba nicht so klein, würde sich ein Motorradurlaub dort sicherlich lohnen. „Mit dem Roller müsste das hier auch ein Vergnügen sein”, denke ich. Insgesamt sind hier in der Toskana, auch wenn es erst Anfang Mai ist, vorwiegend Reisebusse und Wohnmobile unterwegs. Motorradfahrer sehen wir kaum, manchmal parken ein paar Feuerstühle auf einem Parkplatz in einer Stadt. Es ist halt eher eine Kult-Tour gewesen mit vielen Besichtigungen. Mir und Karsten hat das gut gefallen, denn wir haben auch einen Teil italienische Lebensart genießen können. In den Städten, aber auch beim Einkaufen und Zubereiten des Abendessens. Eingefleischte Biker würden sagen: „Ein Weichei-Mopped-Urlaub”. Das können wir getrost akzeptieren, denn wir wissen bereits jetzt: es wird sich schon am nächsten Tag ändern!
Am frühen Abend fahren wir physisch total kaputt mit den losgelassenen Motorrädern in die Tiefgarage des Hotels und sind einigermaßen überrascht: Sind es 80 Motorräder - oder sogar 100? Auf jeden Fall kommt eine Art Spannung auf und viel Geschaue. Wir hören auch schon von weitem allerhand Benzingespräche. Schön, das ist mal nach der ersten Woche mit Rentnern in Kirchen etwas Neues! Wir essen ein wunderbares und viel zu gehaltvolles Abendessen und schlendern noch durch den Ort. Levico Terme gefällt mir richtig gut: es ist zwar nicht groß, hat aber schöne Schaufensterauslagen, Trentino-Spezialiäten, eine tolle Kirche und nette Lokalitäten. Die meisten Italiener hier können Deutsch sprechen. Es gibt eine unerwartet große Anzahl von Hotels. Ob die wohl alle belegt sind? Unseres jedenfalls ist momentan sehr gut ausgelastet. Beim Zubettgehen meint mein Mann dann beiläufig: „Morgen fahren wir dann mal einen Pass”. Ich erschrecke zutiefst. Pass war sonst immer nur das, was jetzt mein Personalausweis ist und Kehren bringe ich immer mit Besen in Zusammenhang. Ich habe große Zweifel, ob ich diese merkwürdigen gestalterischen Auswirkungen von Straßen fahren kann und versuche zu vermitteln: „Können wir nicht morgen mal um den See fahren – zuerst mal so eine kleine Aufwärmrunde starten?” Er ist einverstanden.
Am nächsten Morgen stellt er mir dann in ungeheuer schönen Worten den Manghen-Pass vor. Es hört sich abenteuerlich und schwierig zugleich an. Wir wollen das probieren. Karsten zu 75% und ich zu 25%. Der Manghen-Pass entpuppt sich zwar als wunderschön, verlangt mir aber als Kurvendreher-Neuling eine Menge ab. Die Kälte und auch ein aufkommender Wind vereinfachen die Sache nicht gerade und als ich fast oben bin, kullern mir die Tränen über die Wangen, fühle ich mich doch gerade total erschöpft. Dann schaffe ich, unterstützt von Karstens Mitgefühl, den Rest auch noch und wir sitzen in einer wunderschönen Hütte bei einem Kachelofen, dessen Feuer auch brennt, und bestellen Panna Cotta mit Brombeeren und Latte Macchiato. Die Abfahrt beobachte ich nun genauer. Die Strecke ist wirklich wunderschön und ich würde den Pass jederzeit noch einmal fahren. Einige Biker meinen am Abend, sie führen runter nicht so gern wie hinauf. Das empfinde ich nicht als so tragisch, denn ich habe bergauf mit dem Gas geben doch etwas mehr zu tun. Hinunter rollt sie ja von selbst. Quasi. Einmal schaue ich erstaunt auf, denn ich habe nicht in den Rückspiegel gesehen: ein Rennradfahrer überholt mich doch glatt. Allerdings auch nur bergrunter. Das beruhigt mich wieder!
Ein wenig erholen möchte ich mich doch auch. Das geht abends im Hotel „Cristallo” immer sehr gut, denn dort ist eine Sauna, in der wir die verspannte Muskulatur wieder lockern können und auch mitunter sehr nette Gespräche - über andere Dinge als über das Motorradfahren - führen. Das tut auch mal ganz gut. Am vorletzten Tag meint mein Karsten dann zu mir: „Was meinst du, schaffst du die Dolomiten?” „Lass mich raten, das sind diese Berge, die eigentlich mal Korallenriffe waren und trotzdem nicht unter uns sondern über uns sind.” JAU! Wir steigen auf die Bikes und fahren zwei Mal die Seller-Ronde. 33 Tornanti hoch, 33 runter, weiter zum nächsten Pass und hoch auf den Gipfel - fast 2500 Meter hoch. Hier ist es doch recht schattig. Eine Handvoll Harley-Fahrer kommen auf ihren (nicht böse gemeint) Eisenhaufen angefahren. Es sind als Fahrer sogar Frauen darunter. Mein Respekt ist grenzenlos. Wenn die es schaffen, diese schweren Dinger über diese engen Pässe zu kurven (wohl weniger mit Schräglage als mit Gewichtsverlagerung und Gasdosierung), was stöhne ich dann eigentlich rum mit meinem kleinen wendigen Quirl? Diese Begegnung mit dem amerikanischen Traum hat doch Spuren bei mir hinterlassen. Ich weiß jetzt, dass man nicht global von „Geradeaus-Fahrern” sprechen sollte, sondern dass einige von ihnen es richtig drauf haben. Tentino war also Kurventour. Das Motorradfahren stand im Vordergrund und es war schön, dass ich an jedem Nachmittag nicht noch einkaufen und kochen musste. Perfekt. Dieser Mix aus den beiden italienischen Landstrichen habe ich „Trentoscaniano” getauft. Dorthin ging nach meiner genauen Abschlussüberlegung unser Urlaub. Wir machten die Kult- und die Kurventour. Das ist für mich als anspruchsvolle Motorrad-Urlauberin (ich will nicht nur fahren) das Beste, was wir aus 17 Tagen in Italien machen konnten und weit mehr als ich mir anfangs überhaupt gewagt hatte vorzustellen (siehe erster Satz). Auch wenn es bei mir immer noch nichts Vergleichbares zu Schottland gibt: die Dolomiten, die Landschaft mit den gurgelnden Flüssen und den Weinanbaugebieten, die schönen, klaren Seen, umringt von Bergen, die möchte ich irgendwann wieder besuchen! Sie haben mich, wie viele Radfahrer, Wanderer und Motorradfahrer in ihren Bann gezogen. Es müsste mehr Urlaubstage geben - zwei Wochen für den Süden und zwei Wochen für den Norden! Dann wäre ich die zufriedenste Motorradfahrerin der Welt! ---
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