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| Iron Butt NG72 - Nordkap / Gibraltar in 72 Stunden |
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aus bma 10/11 - Reisebericht von Raimond Böschen
Die IBA ist mit weltweit über 40.000 Mitgliedern eine exklusive Gruppe von Motorradfahrern, die sich dem Sport des sicheren Motorrad Langstreckenfahrens verschrieben hat. Um IBA Mitglied zu werden, muss ein „IBA Certificate Ride“ über mindestens 24 Stunden erfolgreich absolviert werden. Die bekanntesten Rides sind wohl „Saddle Sore“ und „Bun Burner“ mit 1.000 und 1.500 Meilen. Außerdem gibt es spezielle Rides mit „besonderen Herausforderungen“. Wer mehr darüber erfahren möchte, kann die Internetseite der IBA Deutschland (www.ibagermany.de) besuchen; dort ist alles ausführlich beschrieben. Einer dieser besonderen Rides ist der „N-G 72“ und steht für die Strecke vom Nordkap nach Gibraltar oder umgekehrt (je nach Route ca. 5.500 km) in weniger als 72 Stunden (inkl. Schlaf, Fähre, Tankstopps etc.); zuzüglich An- und Abreise über 11.000 km! Er wird als einziger Ride nur von der IBA-Finnland zertifiziert.
Bereits 2007 bin ich zusammen mit einem Freund unter anderem einen „Bun Burner 2500K Gold“ (2.500 km in 24 Stunden) gefahren. Dadurch war ich überhaupt berechtigt den „N-G 72“ anzugehen. Die IBA legt sehr großen Wert darauf, dass kein Fahrer sich mit einem Ride übernimmt. Es gibt noch weitere strenge Regeln, die auf den Seiten der IBA Deutschland und der USA (www.ironbutt.com) nachzulesen und gut erklärt sind. 2010 begann ich mit der Planung des „N-G 72“. Ein solcher Ride besteht nicht nur aus der Fahrt! Die Planung der Strecke, der Tankstopps, der zu durchfahrenden Ballungsräume auf der Route sowie die Unterkünfte vor, während und nach dem Ride oder die Berücksichtigung der Öffnungszeiten am Nordkap: alles will sorgfältig bedacht sein!
Am 11. Juni starte ich zusammen mit einem Freund zu einem „Saddle Sore 2000K“ von Bremen nach Nordschweden. Es ist nicht nur Anfahrt, sondern auch Abschlusstraining für den N-G 72 und ich bin schneller am Ziel, also am Start! Nach 23 Stunden 48 Minuten und 2017 km (lt. Tacho 2082km) ist der „Saddle Sore“ für uns in Nordschweden perfekt! Danach geht es noch 100 km weiter bis zum Hotel in Lulea.
Am Dienstagmittag fahre ich schon mal zum Nordkap, um frühzeitig die beiden Zeugen zu rekrutieren und für den eigentlichen Start am nächsten Tag vorbereitet zu sein. Nach einem „bewusst leichten” Frühstück geht es am nächsten Tag wieder zum Nordkap. Ich habe den Start auf die Öffnungszeiten am Nordkap angepasst und kaufe dort meine „Royal North Cape Club“ Mitgliedschaft. Der Rechnungsbeleg quittiert den Startzeitpunkt, da es hier keine Tankstelle gibt. Mittwoch, 15. Juni 2011, 11:07 Uhr: jetzt läuft die Zeit! Auf dem Weg zum Motorrad schnell noch übers Handy die Startzeit an die Datenbank gesendet, damit meine Allerliebste und die Freunde zu Hause den aktuellen Verlauf der Strecke im Internet verfolgen können. Bei herrlichem Sonnenschein und plus 8 Grad geht es endlich los! Nach 31 km kommt schon der erste Tankstopp! Der nächste Stopp wird dann erst nach 400 km in Finnland sein. Auf diesem Stück fahre ich auf kleinen Landstraßen durch atemberaubende Landschaften bis Finnland durch und mache dabei fast 2 Stunden gut, ohne ein einziges Mal zu schnell gewesen zu sein! Die Zeit vergeht auf dieser schönen Strecke sehr schnell und ehe ich mich versehe fahre ich wieder an diesem Dorf vorbei, dass wie Bullerbü aussieht. Gegen 21 Uhr erreiche ich mit 3,5 Stunden Vorsprung Lulea. Auf der Tankstelle wartet schon der Freund von der Anreise und wir fahren gemeinsam Richtung Süden. Die Fahrt durch die Nacht bis Sundsval verläuft problemlos, außer dass es sehr frisch ist. Gegen 2 Uhr beginne ich mit intensiven Stretching-Übungen, weil meine Schultern total verspannt sind. Um durch die Entspannungsübungen nicht „zu ruhig“ zu werden, singe ich laut zur Musik vom USB-Stick. Ich kann überhaupt nicht singen, aber dadurch halte ich meine Konzentration und durch den geschlossenen Helm kann es ja niemand hören.
Kurz nach 19:00 Uhr sind wir endlich am Hotel in Quickborn: Halbzeit! Nicht von der Zeit, aber von der Strecke. Nach 36 Stunden bekomme ich endlich eine heiße Dusche, warmes Essen und meinen Schlaf – nachdem die Track-Daten aus dem Navi gesichert wurden! Am nächsten Morgen geht es um 6 Uhr alleine weiter, da der Freund nur bis Quickborn mitfuhr. Hinter Hamburg fahre ich in die Sonne hinein. Ich fühle mich wohl, nicht zuletzt weil ich das Ziel jetzt konkret vor Augen habe! Hinter Darmstadt komme ich mit leerem Tank in meinen ersten Stau. Bis jetzt habe ich alle Tankstopps auf Reserve angefahren, aber so knapp war es noch nie! Zum Glück kommt schon bald die erlösende letzte deutsche Tankstelle für mich, wo ich die Pause etwas überziehe.
Vor Orange, ich liege fast 20 Minuten hinter meinem Zeitplan, muss ich tanken aber die Zapfsäule funktioniert nicht! Drinnen fragt mich die Kassiererin nach der beabsichtigten Spritmenge und rechnet dafür den Betrag aus; und diskutieren will sie auch noch! Ich bin geschockt und gebe ihr einfach 15 EUR. Das sind ca. 9 Liter - in diesem Moment gucke ich wie dieser Smiley mit den großen Augen und weiß, dass ich einen zusätzlichen Stopp brauchen werde! Zugegebener Maßen fahre ich die nächste Stunde recht zügig um die Zeit für den Zusatzstopp wieder rauszuholen, was auch gut gelingt.
Gegen 4 Uhr erreichen wir Valencia und die nächste Katastrophe: die Autobahn ist durch einen querstehenden LKW gesperrt! Ein Bauarbeiter hält ein Pappschild hoch, worauf mit Kugelschreiber geschrieben steht: „No!“. Ein zweiter kommt hinzu und erklärt umständlich, dass die Umleitungsschilder leider noch fehlen (an dieser Stelle verweise ich auf den vorherigen Smiley) und so quäle ich mich zusammen mit vielen LKWs über Nebenstraßen durch Valencia. Endlich erreiche ich die Küstenautobahn und es geht flüssig weiter, mein Verlust beträgt jetzt 40 Minuten und meine Tankstopp-Planung ist völlig im Eimer! Zum Glück gibt es aber alle 20 km geöffnete Tankstellen.
Mit der aufgehenden Sonntagmorgen-Sonne sind es schon 25 Grad und ich fahre auf einer absolut leeren Autobahn an Almeria vorbei nach Malaga und mache langsam wieder Zeit gut. Hinter Granada kommt die letzte Tankstelle. Wie auch bei den vorherigen 2 Tankstopps halte ich die Pause sehr kurz und liege dadurch nur noch 15 Minuten zurück. Die Rechnerei geht aber ständig weiter, da die vielen Mautstationen jedes Mal eine Minute kosten. Halb 10 – Marbella: nur noch 7 Minuten zurück. Die Konzentrationsübungen zahlen sich aus: von Müdigkeit keine Spur! Aber die zunehmende Hitze quält! Dann nimmt der Verkehr stetig zu, bis ich kurz vor Gibraltar zum Stillstand komme. Ich zwänge mich durch die Reihen, was besser ist, als bei der Hitze zu stehen. Endlich sehe ich die britische Grenzkontrolle. In den letzten Stunden ist mir der Schweiß in die Augen gelaufen: sie sind stark gerötet und tränen, weshalb man wohl meinen Ausweis sehen möchte. Ein „Hello, there is a fly in my eye!“ entlockt den Grenzern ein Lächeln und ich darf passieren. Plötzlich wird mir klar, dass ich es geschafft habe – fast! Ich muss noch tanken. Beim Abbiegen auf die Tankstelle stelle ich fest, dass ich mittlerweile 25 Minuten Luft habe. Ich muss noch warten, weil es sehr voll ist; aber ich habe ja Zeit! Ich tanke genüsslich voll, gehe bezahlen und erhalte meine Quittung mit Ort, Datum und Uhrzeit: Gibraltar, Samstag 18.06.2011, 10:51 Uhr! Zwei Angestellte beurkunden auf dem Formular meine Anwesenheit – jetzt ist es geschafft! Nach 8.742 km in 7 Tagen und ein paar Fotos am Point of Europe geht es dann bei 38 Grad sofort weiter nach Malaga. Ich will nur noch ins Hotel und nehme ich die letzten 150 km in Angriff; gegen 14 Uhr kann ich endlich absteigen. Nach einem „Kurzschlaf“ und dem Abendessen feiere ich mit mir meinen Sieg und den Rekord (als erster Deutscher) über diese unglaubliche Strecke: Nordkap - Gibraltar 72; 5.800,50 km (5.615 IBA-km) und 389,84 Liter Super in 71:44 Stunden (reine Fahrzeit 55:56 Stunden)! Und da ich Diabetiker bin, kommt noch ein „Weltrekord“ hinzu: ich bin der erste Diabetiker, der diese Strecke gefahren ist! Den detaillierten Bericht gibt es hier: http://4pb.de/NG72. ---
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