| Vincent Black Prince & Black Knight |
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aus bma 9/10 Text: Winni Scheibe In den fünfziger Jahren war Philip C. Vincent Englands exklusivster Motorradhersteller. Mit der Black Prince brachte der geniale Konstrukteur 1955 weltweit das erste Motorrad mit einer Fiberglas-Vollverkleidung auf den Markt. Für den legendären Ruf der Firma jedoch sorgte bereits ab 1948 die sagenhafte Black Shadow. Die Vincent-Ära indes dauerte nicht lange, im Dezember 1955 rollte das letzte Nobelbike, es war eine Black Prince, aus den geheiligten Hallen in Stevenage. Motorradfahren und Motorradfahren ist längst nicht das Gleiche. Besonders in schlechten Zeiten. Bei uns war man nach Kriegsende zunächst mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Zwar blühte bald der Zweiradmarkt, doch das Angebot waren durch die Bank weg „Brot-und-Butter-Maschinen“. Preisgünstige und robuste 98er, 125er, 200er und 250er Kräder, für den täglichen Weg ins Büro, zur Arbeit oder in die Lehre. Wer von einer schweren Maschine träumte, konnte sie an einer Hand abzählen: NSU Konsul II, Zündapp KS 601 und BMW R 67. An englische Maschinen war nicht zu denken. Erstens gab es kaum jemand, der sich um den Import kümmerte, und zweitens waren die „Ladies“ viel zu teuer. Doch davon „spinnen“ war nicht verboten. Wenn sich die Motorradfreunde nach getaner Arbeit am Stammtisch oder am Wochenende ums Lagerfeuer trafen, wurde kräftig „Benzin geredet“. „Das MOTORRAD“ war für sie die Bibel, und die Berichte von Ernst „Klacks“ Leverkus galten als Offenbarung. Immer wieder brachte der Testguru die Gemüter in Wallung. 1955 mit den „Supervögeln“: 650er Ariel Huntmaster, 650er Triumph Thunderbird und 1000er Vincent Black Prince. Auch für „Klacks“ war die Vincent eine Traummaschine. Angeblich gab es in Deutschland nur fünf Stück davon. In Wirklichkeit gesehen, geschweige selbst gefahren, hatte er noch nie eine. Dafür war ihr Ruf um so größer: „Tempo 200 garantiert ab Laden“ - „Wenn du bei dem Tempo einen Maikäfer auf die Nase kriegst, hast du ein gestanztes Loch im Kopf.“ Und dann gab es noch die Story aus Paris: von den acht, die in einem Jahr verkauft worden waren, erschlugen sieben noch im gleichen Jahr ihre Fahrer. Über kein anderes Motorrad wurde mehr diskutiert, spekuliert und Geschichten erzählt wie über die Vincent.
Anfang der Fünfziger machte ein neuartiges Material von sich reden. Es war ein duroplastischer Kunststoff, aus dem sich Faserverbundwerkstoffe fertigen ließen. Cromwell, Hersteller des legendären Halbschalenhelms, verwendete in Großserie dieses glasfaserverstärkte Polyesterharz, auch Fiberglas oder kurz GFK genannt. Das Außenmaterial bestand aus mehreren Schichten Glasfasergewebematten, die mit Kunstharz getränkt waren. Die Fiberglas-Schale wurde handlaminiert und zeigte hervorragende Eigenschaften. Sie war superleicht, dafür aber außergewöhnlich stabil, unempfindlich gegen Witterungseinflüsse und Lösungsmittel, ließ sich individuell lackieren und mit Aufklebern dekorieren.
Zunächst galt es einen Prototyp zu entwerfen. Aus Holz, Gips sowie Pappmaché wurden ein breiter Vorderradkotflügel, Motorseitenabdeckungen, eine Hinterradverkleidung, eine lenkerfeste Oberteilverkleidung sowie Beinschilder, die so geformt waren, dass sie gleichzeitig den Fahrtwind als Kühlluft auf das Triebwerk leiteten, modelliert. Diese Modelle dienten zur Herstellung der jeweils benötigten Negativformen, in die die Glasfasermatten einlaminiert wurden. Damit die Bauteile über die gesamten Flächen eine gleichbleibende Wandstärke erhielten, war es jedoch wichtig, dass die Fiberglasmatten faltenfrei in den Formen lagen und gleichmäßig mit Harz durchtränkt wurden. Dieses Laminieren verlangte viel Geschick und gewissenhafte Fertigungsweise, was man sich allerdings erst mühselig erarbeiten musste. Rund ein Jahr verging, bis man die Sache im Griff hatte und sich alle GFK-Bauteile passgenau und mit einer tadellos glatten Oberfläche herstellen ließen.
Doch zurück zur Fiberglas-Idee. Im Herbst 1954 präsentierte die Nobelmarke bei der „Earl´s Court Show“ in London die vollverkleideten 1000er Tourensportler Black Knight und Black Prince. Was sich unter den schwarzen Kunststoffhäuten verbarg, wussten zunächst aber nur Insider. P.C.V. hatte sich nämlich einen geschickten Schachzug ausgedacht. Als Basis für die Black Knight diente die Rapide mit 45 PS Motor, und die Black Prince war im Prinzip eine vollverkleidete Black Shadow mit 55 PS Triebwerk. Die Luxusliner gehörten zur vierten und letzten Vincent-Generation, der “Serie D“. Die besonderen Merkmale dieser Baureihe waren: 6-Volt-Batteriezündung, geänderter Rückgrat-Rahmen ohne integrierten Öltank (das kostbare Öl für die Trockensumpfschmierung dümpelte nun in einem separaten Vorratsbehälter), fast liegendes, hydraulisch gedämpftes Mono-Federbein für die Hinterradschwinge, ein neuer hinterer Hilfsrahmen und nur noch eine Trommelbremse am Hinterrad. Die hydraulisch gedämpfte Girdraulic-Gabel gehörte dagegen bereits seit 1948 zur Standardausstattung. Bei der Lackierung war damals bekanntlich alles erlaubt, solange es sich um Schwarz handelte. Und so waren die Black Knight und Black Prince von vorne bis hinten pechschwarz, nur rechts und links sorgten je ein dezenter goldener Zierstreifen für „Farbenpracht“. Echte Aufregung herrschte dagegen in der Motorradszene. Solche Maschinen hatte keiner erwartet. Mit diesen extravaganten Motorrädern wollte Vincent aber nicht nur seine Innovationsfähigkeit demonstrieren, sondern auch mit dem weit verbreiteten Negativ-Image, Motorradfahrer seien verdreckte und ölverschmierte Gesellen, Schluss machen. P.C.V. pries seine neue Kollektion als Tourensport- und Reisemaschine für bequeme und ermüdungsfreie Langstreckenfahrten.
Diese komfortablen „Rolls-Royce auf zwei Rädern“ hätten eigentlich die Oberknaller werden müssen. Doch Phil Vincent hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Nur wenige konnten sich für diese neue Art von Motorrad begeistern. Das Gegenteil war sogar der Fall. Der angestrebte Imagewechsel stieß auf Ablehnung. Die damalige Motorradwelt wollte weiterhin „open-air“ durch die Gegend brausen, und gegen Nässe und Kälte vertraute man lieber den bewährten Klamotten von Barbour oder Bellstaff. Auch wenn der Begriff „Plastikschüssel“ noch nicht gebräuchlich war, so waren sich die Experten dennoch einig, eine Kunststoff-Verschalung hatte am Motorrad einfach nichts zu suchen. Und so half weder der legendäre Ruf, noch die mutige Innovation. Nur ein Jahr nach Vorstellung der umstrittenen Black Knight und Black Prince musste die Nobelmarke die Fabriktore für immer schließen. Dabei war Vincent längst zum Mythos geworden. ---
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