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| Triumph Tiger 800 Modell 2011 |
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aus bma 3/11 - Fahrbericht von Klaus Herder
Dabei ist die Tiger 1050 ein rundherum gelungenes Motorrad, das allein schon seines famosen Dreizylindermotors wegen eine Versuchung wert wäre. Doch gegen den Platzhirsch R 1200 GS lässt sich hierzulande einfach nicht anstinken. Okay, sagten sich die Briten – dann greifen wir die Bayern eben dort an, wo die Flanken noch etwas offener liegen, wo man keinen Boxer-Mythos und keinen Kardan-Bonus zu fürchten hat: in der Mittelklasse, konkret im 800er-Segment. Na ja, öffentlich sagten das die Jungs von der Insel natürlich nicht, denn nach offizieller Lesart war die Triumph Tiger 800, um die es nachfolgend gehen soll, längst in der Entwicklungs-Pipeline, als BMW 2008/2009 mit den nackten 800er-Twins debütierte. Konzept-Kopien? Niemals!
Und das ist nicht etwa eine schnöde Organspende aus der 125 PS starken Daytona 675 oder der 106 PS leistenden Street Triple, sondern eine leckere Quasi-Neukonstruktion. Dieser Reihendreier hat nicht mehr das Thema Sport mit all seinen Drehzahlanforderungen als oberstes Prinzip, sondern muss zum Drehmoment-orientierten Charakter eines „Adventure-Bikes“ (um ebensolche handelt es sich laut Triumph bei den beiden Mini-Tigern) passen.
Zwischen 2500 und 8000/min steigt das Drehmoment gerade mal um 5 Nm an – eine solch genial flache Drehmomentkurve haben ansonsten nur Elektromotoren. Diese Auslegung beschert dem Tiger-Motor eine vorbildliche Elastizität mit besten Durchzugswerten und sorgt dafür, dass die ersten vier von sechs Gängen eigentlich nur zum Anfahren benötigt werden. Ansonsten lässt sich alles, wirklich alles im fünften oder recht lang ausgelegten sechsten Gang erledigen, ohne im für Triumph-Verhältnisse erstaunlich leicht zu schaltenden Getriebe rühren zu müssen.
Mit unter vier Sekunden für den Sprint von 0 auf 100 km/h sowie einer Höchstgeschwindigkeit von 210 km/h stimmen auch die Stammtischwerte. Und auch von der Sound-Front gibt es nur Gutes zu berichten: Der Nachwuchs-Tiger faucht vielleicht nicht ganz so böse wie Street oder Speed Triple, doch das, was da herrlich kernig aus dem hoch gelegten Edelstahldämpfer röhrt, sorgt immer noch für ein ganz breites Grinsen und aufgestellte Nackenhaare. Der kultivierteste Dreizylinders, der jemals in Hinckley zusammengesteckt wurde, überzeugt auch an Stellen, die man beim Erstkontakt vielleicht nicht auf dem Schirm hat. So gibt es statt des Plastikpeilstabes für die Ölstandskontrolle endlich ein Schauglas, und mit 675 Watt Lichtmaschinenleistung sowie einer 14 Ah-Batterie ist das Adventure-Bike sehr gut für elektrisch betriebenes Abenteuer-Zubehör gerüstet. Dieses kann über eine Steckdose betrieben werden, die direkt neben dem Zündschloss und damit perfekt erreichbar montiert ist. Die gezahnten Fahrerfußrasten tragen abnehmbare Gummiauflagen.
An anderer Stelle fehlt die Detailliebe allerdings etwas – oder aber die den Rotstift schwenkenden Kaufleute pfuschten den Technikern ins Handwerk. So ist zum Beispiel das Bremspedal aus billigster Stanzware gefertigt. Etwas billig und wenig sturzfreundlich ist auch der Vorbau geraten, der von plump an den Lenkkopf geschweißten Röhren getragen wird. Die Digitalanzeige im eigentlich üppig bestückten Cockpit lässt sich nicht vom Lenker aus verstellen. Das Federbein liegt voll im Spritzwasserbereich. Und die weit herausragenden Beifahrer-Fußrastenhalter können nicht abgeschraubt werden, was bei einem „Abenteuer-Motorrad“, das bei artgerechter Nutzung auch mal ungewollt in die Waagerechte kommen kann, mindestens genauso unverständlich ist, wie die Wahl einer durchgehenden Schweißkonstruktion beim Stahlrohrrahmen. So können eigentlich harmlose Umfaller oder Ausrutscher sehr schnell zu einer teuren Reparatur-Angelegenheit werden – geschraubte Konstruktionen wären die praxisgerechtere Wahl gewesen. Die gute Soziustauglichkeit, die zwar nicht übermäßig hübschen, dafür aber äußerst praktischen Haltebügel sowie die üppige Zuladung von 215 kg versöhnen dafür aber und machen deutlich, dass die Tiger 800 im normalen, nämlich unfallfreien Betrieb durch und durch alltagstauglich geraten ist.
Äußerst zielgenau schwenkt die 800er um Kurvenradien aller Art, bleibt dabei jederzeit gut berechenbar und folgt aufmerksam jedem noch so kleinen Lenkimpuls. Das wuselige Fahrverhalten lässt sich mit einem Wort zusammenfassen: superhandlich. Der sehr bequem und langstreckentauglich untergebrachte Fahrer benötigt praktisch keinerlei Eingewöhnungsphase, auf der eher straff als soft abgestimmten Tiger hat man auf Anhieb absolutes Vertrauen zum Gerät. Und das wird nicht enttäuscht, denn die gutmütige Auslegung verzeiht auch gröbere Fahrfehler. In die Rubrik „gutmütig“ gehören auch die Bremsen. Die vorderen Doppelkolben-Schwimmsättel von Nissen sind nicht gerade wütende Beißer, sie agieren in Sachen Dosierung und Wirkung eher etwas zahnlos. Sehen wir es positiv: Die Gefahr des ungewollten Überbremsens ist recht gering. Oder sogar gänzlich ausgeschlossen, denn ab diesem Frühjahr soll auch endlich das 600 Euro Aufpreis kostende ABS lieferbar sein. Damit dürfte der weitaus größte Teil der vom deutschen Importeur für 2011 angepeilten 1000 Tiger 800-Verkäufe bestückt werden; denn das Dreizylinder-Schätzchen zielt nun mal ganz klar auf die Fernreisefreaks, die sich ansonsten für eine BMW F 800 GS entscheiden würden, und für die ist der Blockierverhinderer ein absolutes Muss. Das in Sachen Tiger 800 hervorragend sortierte Triumph-Zubehörprogramm dürfte den Klapphelm- und Gore-Tex-Trägern ebenfalls sehr gut gefallen und dem einen oder anderen vielleicht den letzten Anstoß geben, vielleicht doch einmal britisch zu kaufen. Unabhängig davon ist die Tiger 800 natürlich ein völlig eigenständiges Konzept. Selbstverständlich gab es keine direkten Vorbilder. Ist klar. Und außerdem ist es eine richtig tolle Sache, eine ohnehin schon gute F 800 mit einem vielleicht noch besseren Motor kaufen zu können... ---
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