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aus bma 6/99 von Klaus Herder Ostern 1999: Vier Tage frei, herrliches Wetter, Motorrad-Gerbrauchtmarkt in Husum - und ich habe kein fahrbereites Motorrad in der Garage. Na Prima. Ein langes Wochenende vor dem Fernseher, ein wenig Gartenarbeit, ausgedehnte Spaziergänge. Ist ja auch alles ganz toll, doch wenig schmerzlindernd bei juckender Gashand. In meiner Not komme ich auf die unmöglichsten Ideen. Wie war das gleich, da steht doch noch irgendein Motorroller in der Redaktion? Ich und Toilette fahren, doch was tut man nicht alles, um sich an frischer Luft die Gesundheit zu ruinieren. Gesagt, gefahren - die vermeintliche Plastik-Schlappwurst entpuppt sich als 180er Roller namens Gilera Runner. Na wenigstens etwas für Leute mit echtem Führerschein, der Autolappen reicht für den 19 PS-Scooter nicht, es muß der Einser sein. Und tatsächlich: Die aus alten Vespa-Tagen geretteten Vorurteile über Roller bedient der Runner bereits auf den ersten Blick so gut wie gar nicht. Der ungemein praktische aber für die berüchtigte Kackstuhl-Sitzhaltung sorgende Durchstieg fehlt, ein breiter Mitteltunnel verlangt nach motorradgemäßem Auf- und Absteigen. Anstelle winziger Zehnzöller im Trennscheibenformat sind fette Niederquerschnittsreifen der Größe 120/70-12 vorn und 130/70-12 hinten montiert. Die wichtig aussehende Upside-down-Gabel und eine ziemlich erwachsen wirkende 220-Millimeter-Scheibenbremse mit Doppelkolbensattel vervollständigen den gelungenen Auftritt. Ist der Runner womöglich ein verwunschenes Motorrad? Nicht ganz - glücklicherweise, denn was nun kommt, ist rollertypisch, nämlich rollertypisch unkompliziert. Gestartet wird in der Praxis immer elektrisch, theoretisch auch per Kickstarter: Zündung an, Bremshebel ziehen, Druck aufs Knöpfchen, Motor läuft. Kein Benzinhahndrehen, keine Suche nach dem Leerlauf, einfacher geht's nicht.
Dem MZ-geprägten Fahrer tönt kerniges Zweitakt-Scheppern entgegen. Unmotiviertes Spielen am Gasgriff zwecks Sound-Check verbietet sich allerdings, denn die Fliehkraftkupplung setzt jede Bewegung der Gashand in sofortigen und stufenlosen Vortrieb um. So darf der flüssigkeitsgekühlte Zweitakter noch ein wenig im Leerlauf vor sich hin plärren und stinken. Jawohl, der Runner stinkt, zumindest nach dem Kaltstart. Sobald sich das blaue Zweitaktöl-Wölkchen verflüchtigt hat, kann's flott losgehen. „Flott” umschreibt den Vorwärtsdrang des vollgetankt gerade mal 120 Kilogramm leichten Runners nur ungenügend. Der dank Automatik zum digitalen Gasgeben („voll auf”) neigende Fahrer wird von Beschleunigungwerten überrascht, die handelsüblichen PKW bis hin zum Landstraßenlimit nicht den Hauch einer Chance lassen. In Zahlen: in 6,1 Sekunden von Null auf 80 km/h, in 9,9 Sekunden von Null auf 100 km/h. Selbst Motorradfahrer mit 34 PS-Geräten müssen schon mächtig gut schalten können, um gegen die perfekt abgestimmte Variomatik anstinken zu können. Womit wir beim Stichwort „Motorradfahrer” wieder zurück auf dieses legendäre Oster-Wochenende kommen. Die vermeintliche Notlösung Roller entpuppte sich nämlich sehr schnell als astreiner Biker-Schreck. Der Rollerfahrer an sich wird von Motorradfahrern so gut wie nie ernstgenommen. Und genau das wird auf meinem Weg gen Husum so manchem Biker zum Verhängnis. Die kleine Rakete wird schlicht und einfach unterschätzt. Das Spielchen läuft immer gleich ab. Mit 70, 80 über die Landstraße bummeln (natürlich nicht B 5 - muß schon etwas kurviger sein), die Jungs locker überholen lassen („Abstand? Wozu Abstand - ist doch nur ein Roller”) und dann: Gaaas! Bereits am nächsten Kurveneingang hänge ich am Hinterrad des Cruisers (wahlweise auch Choppers oder Streetfighters, in jedem Fall mit mattschwarzem Jethelm und cooler Sonnenbrille). Dran bleiben, es dauert eine Weile, bis die Jungs realisieren, was ihnen da am Heck klebt. Und dann fängt der Spaß an: Leicht nervöse Blicke im Motorrad-Rückspiegel, auf den Geraden wird das Gas etwas stärker aufgezogen und vor der Kurve etwas später gebremst. Reicht aber nicht. Diese Roller-Schmeißfliege bleibt einfach dran. Der Blick im Rückspiegel wird etwas hektischer, die Aktionen des Motorradfahrers ebenfalls. Das ist der Moment, in dem der Runner-Pilot aktiv wird und zum finalen Schlag ausholt. Blinker links, abwinkeln, vorbei - das alles in einer möglichst langgezogenen und sehr übersichtlichen Kurve (so was gibt es in Dithmarschen, die Volksbedenkenträger - vonwegen verantwortungslose Raserei - können sich also wieder beruhigen). Zugegeben, auf der nächsten Geraden haben die Motorradfahrer den Runner natürlich wieder ein- und überholt, aber das Spielchen läßt sich auf kleineren Strassen beliebig fortführen. Im konkreten Fall nicht ganz beliebig, denn nach relativ kurzer Zeit bogen die Biker meist völlig überraschend vom logischen Weg gen Husum ab oder entschieden sich urplötzlich für ein Zigaretten- oder Pinkelpäuschen. Zur Ehrenrettung der von mir verblasenen Jungs sei allerdings gesagt, daß Ostern vermutlich für viele eine der ersten Touren anstand und ich berufsbedingt zwei Monate Vorsprung hatte. Was mit der mehr oder weniger blumigen Beschreibung meiner Ostertour rüberkommen soll, ist der gewaltige Fahrspaß, den ein moderner Roller vom Schlage eines Gilera Runner bieten kann. Die ausgeprägte Handlichkeit hat etwas Spielerisches, die tolle Zielgenauigkeit macht aus harmlosen Tourern Pistensäue, und der Geradeauslauf ist bis zur Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h tadellos. Der stabile Zentralrohrrahmen (daher der Mitteltunnel) sorgt für himmlische Ruhe im Gebälk, die Fahrstabilität ist hervorragend. Die Vorderradbremse braucht allerdings eine ziemlich kräftig zupackende Hand, um ordentlich zu verzögern. Runner-Frischlinge laufen aber so zumindest nicht Gefahr, die Fuhre zu überbremsen. Fortgeschrittene montieren Sintermetall-Bremsbeläge aus dem Zubehör und eine Stahlflex-Bremsleitung. Eine Umrüstung auf Zubehörteile täte auch der Hinterradfederung gut. Das serienmäßig verbaute Federbein ist von der eher billigen Sorte, von Dämpfung ist nur ansatzweise etwas zu spüren. Im ansonsten problemlosen Zweipersonenbetrieb schlägt das Teil durchaus mal durch - was sich im wahrsten Sinne des Wortes verschmerzen läßt, da die gut gepolsterte Sitzbank eine Menge wegsteckt. Die Upside-down-Vorderradgabel wirkt eindrucksvoll, arbeitet dafür aber sehr simpel, weil ausschließlich mechanisch. Entsprechend unsensibel und bockig reagiert die Vorderrradführung. Der Runner-Pilot wird damit leben können und das Ganze als vermeintliche Sportlichkeit abtun. Da das Rollerfahrer-Leben nicht nur aus Motorradfahrer-Jagen besteht, gibt's beim Runner auch noch ein paar Details, die einfach nur praktisch sind. Zum Beispiel ein geräumiges Staufach unter der Sitzbank, in das ein großer Integralhelm und zusätzlich auch noch relativ viel Kleinkram passen. Zum Tanken muß die Bank nicht hochgeklappt werden, der Einfüllstutzen versteckt sich hinter einer Klappe im Beinschild. Das ist praktisch, weil es Spritduschen über den Wochenendeinkäufen verhindert. Weniger praktisch ist allerdings, daß das Befüllen des 8,6-Liter-Tanks ewig dauert, die Entlüftung scheint nicht optimal gelöst zu sein. Tröstlich, daß der Runner für Rollerverhältnisse nur relativ selten an die Zapfsäule muß. Selbst bei forcierter Fahrweise gönnt sich der 19 PS-Zweitakter selten mehr als vier Liter Superbenzin auf 100 Kilometer. Die praktische Getrenntschmierung mit separatem Öltank ist üblicher Rollerstandard. Neben dem perfekt übersetzten Hauptständer gibt's auch eine serienmäßige Seitenstütze. Das gute Abblend- und Fernlicht macht Nachtschichten zum Vergnügen, sämtliche Schalter und Hebel lassen sich auch mit dicken Handschuhen gut bedienen. Das Cockpit ist hübsch gezeichnet, instrumentenmäßig allerdings nicht sehr genau (Tankanzeige) und auch nicht ganz komplett. Oder wäre eine kleine Zeituhr unsportlich? In Sachen Verarbeitung gibt es nichts zu meckern. Die Spaltmaße stimmen, die Kunststoffteile wirken hochwertig und auch die Lackierung ist sauber gemacht. Der von mir gefahrene Runner FXR 180 ist ein 1998er Modell, das momentan noch bei dem einen oder anderen Gilera-Händler für 5750 Mark oder sogar weniger zu bekommen sein dürfte. Wer erst in einigen Wochen beim Händler seines Vertrauens vorbeischaut, kann vermutlich schon den überarbeiteten Runner FXR 180 DD bestaunen. Die wesentlichen Unterschiede zum Vorgängermodell: etwas weniger Stauraum, da die Batterie zukünftig zwischen Helmfach und Öltank untergebracht sein wird; ein etwas größeres Hinterrad (13 statt zwölf Zoll) mit Scheiben- statt Trommelbremse; ein größerer Tank (elf Liter); einzeln eingefaßte und versenkt montierte Instrumente. 5895 Mark wird der neue Runner kosten. In der Praxis dürfte der Unterschied deutlich größer ausfallen, da die Händler beim „alten”, in Schwarz, Rot und Silbermetallic lieferbaren Runner eher zu Preis-Zugeständnissen bereit sein werden. Die bedauernswerten Zeitgenossen, die keinen Motorradführerschein haben, dürfen übrigens auch Runner fahren: Runner 50 (4595 Mark) oder sogar Runner 125 (5695 Mark). Von den überzeugenden Fahrleistungen des 180ers sind diese beiden Versionen aber verständlicherweise weit entfernt. Wie erfolgreich der Runner ist, zeigen übrigens die Zulassungszahlen 1998: Mit zusammen 8575 Einheiten führen Runner 125/180 die Zulassungsstatistik aller motorisierten Zweiräder an - vor jedem Motorrad und vor jedem Leichtkraftrad. Wer es sich führerscheinmäßig leisten kann, hat zum 180er keine Roller-Alternative. Der Runner 180 wird von Gilera aus gutem Grund als „Motorrad-Scooter” bezeichnet und hat nichts von der Betulichkeit hubraumstarker Sofaroller. Als Zweit- oder Siebtfahrzeug ist das fahraktive Spaßmobil auch und gerade für Motorradfahrer interessant, die Roller normalerweise nicht mit dem Arsch angucken. Wer das nicht glauben will, muß vielleicht zu seinem Glück gezwungen werden. So wie ich an Ostern 1999.
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