| Aprilia SRV 850 Modell 2012 |
|
|
|
aus bma 6/12 Text: Vic Mackey, www.motoemotion.info
Anfang der 90er, in der Zeit meiner Moped-Jugend, fanden Roller nicht statt. Die einzige Vespa pilotierte ein Kerl namens "Nicole" und auch wenn diese mit einem Hubraumvorteil von 80 zu 50 Kubik den meisten unserer Kräder überlegen war, eine Herbrennung durch dieses "Gefährt" wäre so ungefähr vergleichbar mit der Entmannung durch ein stumpfes Messer gewesen. Dass junge Leute heute sich zu Mofazeiten bereits einem Plastikeimer anstelle einer handgemachten Prima 5S oder Kreidler Flori 3-Gang zuwenden, ist wohl dem Wandel der Zeit geschuldet und dem Umstand, dass sich Tuningmaßnahmen mit elektronischen Bauteilen direkt aus der Playstation quasi unsichtbar für das feinliche Überwachungsauge verbauen und verbergen lassen. Es gehört aber wohl ebenso zur Unbedachtheit der Jugend, dass die meisten Jünglinge in der Pubertät ihre vermeindliche Potenz nach Außen tragen und offen zur Schau stellen wollen.
Doch Racing und Roller passten bislang bis auf die Anfangsbuchstaben und einige Mofa-Rennklassen nicht wirklich zusammen. Zu bieder, zu nüchtern und zu sehr auf Zweckmäßigkeit getrimmt, geht den Scootern der Sportsgeist ab, der die Jugend doch meist mit dem Führerschein in den Dreier-BMW zieht. Mit dem SRV850 könnte sich das ändern. Aprilia schielt damit auf ein Klientel, dass es eigentlich noch gar nicht gibt: Den sportlichen Fahrer mit A-Schein, der auf allzu großen Nutz keinen Wert legt, sich aber dennoch für einen Roller entscheidet. {dybanners}13,,,{/dybanners}
Angesichts von 76 Pferdestärken und Fahrwerten von mehr als Tacho 200, beziehunsgweise 0 auf 100 in 5,7 Sekunden in der Sprintwertung, wäre eigentlich Protektorenwäsche angesagt, doch auf dem Hypersportscooter bleibt man selbst im spießbürgerlichen Alltag von gut gemeinten Zurechtweisungen verschont. Es ist eben „nur ein Roller“, auch wenn das Hochplateau des Drehmomentberges sich ebenfalls mit 76 Newtonmetern über das ganze Drehzahlband erhebt und damit der, aus Aprilias Mana bekannte, V2-Treibsatz über den atypischen Kettenantrieb das 15-zöllige Rollerrad bearbeitet.
Das „Projekt: Hypersport-Scooter“, von dem die Ingenieure immer wieder blumig sprechen, ist dabei nichts anderes, als eine Neuauflage einer Idee, die mit der Präsentation des GP800 im Jahre 2007 eine Gestalt, wenn auch eine zu unscheinbare, annahm. Denn auch wenn dem SRV850 sicherlich entwicklerisches Feintuning zu Gute kam – man spricht von einer Optimierung der Brennräume und einem anderen Fahrwerkssetup – so ist es doch mehr ein Facelift unter neuem Namen, als eine Neuvorstellung, was uns da von Piaggio gereicht wird. Und auch, wenn das Roller-Menü eigentlich nie wirklich auf meinem Speiseplan stand - ebenso wie die zum Presselunch servierten gegrillten Tentakel - so ist der SRV doch schon eher nach meinem Geschmack. Man muss es nur auf einen Versuch ankommen lassen.
Ob es Aprilia gelingen wird, die Käuferschaft von diesen Qualitäten zu überzeugen und sie zum Preis von 10.390 Euro inklusive der Nebenkosten auf den rollertypischen Nutzwert z.B. eines größeren Helmfaches verzichten zu lassen, wird man abwarten müssen. Wenn im Gegensatz zu anderen Rollern eben ein zweiter Zylinder im Maschinenraum platziert wird, muss der Helm für die Sozia eben ins optionale Topcase. Oder man verzichtet auf den vollintegralen Helm zugunsten einer schmückenden, platzsparenden Halbschale. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Dennoch, leistungsmäßig vergleichbare Motorräder kosten einige Euro weniger. Da tröstet es wenig, dass der futuristische Roller auch mit zeitgemäßer Sicherheitselektronik, wie ABS und Traktionskontrolle, im Juni auf den deutschen Markt kommen wird. Letztlich wird es eine Marketingfrage sein, die man stellen muss: Wie bekommt man die Leute dazu, einen solchen Roller zu wollen? Vielleicht liegt die Antwort ja bereits in der Vergangenheit verborgen. In dem Bemühen, anders sein zu wollen, wie es die sogenannte „Mod“-Bewegung damals in England, aber auch dem kontinentalen Europa wollte. Rollerfahrende Mods rebellierten damals gegen die etablierte Bürgerschaft; der Schein bestimmte das Sein. Wohl gekleidet differenzierte man sich gegenüber anarchistischen Punks und rabiaten Rockern, lebte die Rebellion auf den Straßen, um anschließend im Büro wieder Alltäglichem nachzugehen. Könnten moderne Mods nicht auch heute gegen choppernde Altherrenclubs oder Rennleder-schwitzende Superbiker auferstehen? Vielleicht sollte Piaggio mal über ein Remake des Klassikers „Quadrophenia“ und passendes Produktplacement nachdenken. Auf dem Parkplatz vor dem Kino würde man sicherlich einige Mofa-Roller stehen sehen. Windschief auf gekürzten Seitenständern, neongrellen Unterbodenbeleuchtungen und gut platzierten Aufklebern: „Scootertuning is not a crime!“ --- {dybanners}14,,,{/dybanners} {dybanners}15,,,{/dybanners}
|















